Der Beitritt in die EU hilft den Minderheiten in Tschechien

Die Tschechische Republik hat nicht gerade große ethnische Minderheiten, dafür aber mit diesen kleinen Minderheiten große Probleme, die vor allem mit dem ungenügenden Maß an Toleranz seitens der tschechischen Mehrheit zusammenhängen. Einer der Gründe ist die Tatsache, dass während des 20. Jahrhunderts fast alle Minderheiten aus dem tschechischen Hoheitsgebiet verschwanden, wo die unterschiedlichsten Nationalitäten lebten und verschiedene Kulturen koexistierten (und sich gegenseitig produktiv beeinflusst haben), und dass die tschechische Gesellschaft zu einer ethnisch fast homogenen wurde.

Besonders die Dezimierung der jüdischen Gemeinschaft durch die Nazis und die Abschiebung der Sudetendeutschen nach dem Krieg hatten für die tschechische Gesellschaft ungute Folgen. Die Tschechen verloren den Spiegel, in dem sich nach Jahrhunderten ihr Bild formte. Die tschechische nationale Identität wurde bis zum Zweiten Weltkrieg in der Konfrontation mit den Deutschen geschaffen. Während des kommunistischen Regimes wurde diese Auffassung der eigenen Identität unterdrückt. Die Gesellschaft wurde gewaltsam homogenisiert, die Deutschen wurden samt und sonders als Revanchisten skizziert, die im Westen in Nähe der tschechischen Grenze auf ihre Gelegenheit warten, die böhmischen Länder an sich zu reißen.

Die einzigen bedeutenden Minderheiten, mit denen sich die tschechische Gesellschaft während des kommunistischen Regimes auseinandersetzte, waren die Roma und die Slowaken. Aber nicht eine wurde als tatsächliche Minderheit wahrgenommen. Das Regime arbeitete hart an der Assimilierung der Roma. Die Slowaken wurden wiederum eher als „zweite“ Nation des tschechoslowakischen Staates angesehen. Die anderen Minderheiten, insbesondere die polnische und deutsche, wurden zu so einer gelittenen Folklore. Hunderttausende sowjetische Soldaten in der Zeit der Normalisierung wurden wiederum als Besatzer wahrgenommen.

Renaissance der Minderheiten und die Erbschaft der Nachkriegs-Ära

Nach dem Fall des kommunistischen Regimes wurde die ethnische Homogenisierung des tschechischen Staates paradoxerweise noch verstärkt – durch das Auseinanderfallen der Tschechoslowakei. Die slowakische Minderheit in Tschechien hat sich, obwohl relativ zahlreich, auch dank der Sprachverwandtschaft, schnell assimiliert. Die sichtbarste Minderheit wurde die Roma-Ethnie, aus der in der Gesellschaft, entwöhnt von der Koexistenz mit anderen, schnell der Sündenbock wurde, dem man zumindest einen Teil der Probleme der neuen Gesellschaft aufbürden konnte.

Die Renaissance anderer Minderheiten, insbesondere der deutschen, traf auf ungelöste Erbschaften der Nachkriegs-Ära. Viele Tschechen haben lange nicht unterschieden – und bis heute unterscheiden sie nicht genügend – zwischen den Deutschen, die nach dem Krieg in Tschechien blieben, und den vertriebenen Sudetendeutschen. Das Prinzip der Kollektivschuld, das bei der Abschiebung angewandt wurde, ist so tief im tschechischen Bewusstsein als gerechtes Prinzip verankert, dass es vielen Tschechen dazu reicht, tschechische Deutsche mit denen in einen Topf zu werfen, die abgeschoben wurden. Die allmähliche Öffnung der tschechischen Gesellschaft Europa gegenüber nach dem Fall des Kommunismus hatte bereits zur Folge, dass sich die Tschechen an das Zusammenleben mit einer Menge von Ausländern gewöhnen mussten. Und dieser Anteil wird sich weiter erhöhen. Denn in einigen westeuropäischen Demokratien erreicht die Anzahl der Ausländer bis zu 15 Prozent.

Verstärkung der deutschen Minderheit?

Der Beitritt in die EU wird diesen Trend beschleunigen. Genauso wie sich die Tschechen in den Ländern der EU niederlassen, werden sich bei uns Leute aus anderen Mitgliedsstaaten niederlassen. Mit Blick auf unsere Nachbarschaft zu Österreich und Deutschland kann man voraussetzen, dass sich in der Tschechischen Republik nach und nach Zehntausende und unter einem weiteren zeitlichen Horizont möglicherweise hunderttausend Menschen aus dem deutschen Sprachgebiet niederlassen werden. Das wird auch die deutsche Minderheit in Tschechien nachhaltig verstärken.

Gleichzeitig kann man voraussetzen, dass der Prozess der allmählichen Auseinandersetzung mit der Abschiebung der Sudetendeutschen weiter voranschreiten wird. Wenn es – auch unter dem Einfluss der EU – zu weiteren symbolischen Versöhnungsgesten auf beiden Seiten kommen sollte, wird sich solch ein Prozess auch in der Größe und dem Einfluss der deutschen Minderheit in Tschechien widerspiegeln. Diese könnte darüber hinaus eine aktive Rolle im weiteren Versöhnungsprozess spielen.

Die völlige Öffnung gegenüber Europa in Gestalt verschwundener Grenzen und der Schaffung von Euroregionen in den Grenzgebieten wird auch einen wohltuenden psychologischen Einfluss auf die Beziehungen zwischen der tschechischen Mehrheit und den Minderheiten haben. Die Notwendigkeit, mit dem Hereinströmen von Ausländern und kulturellen Einflüssen aus den umliegenden Ländern konfrontiert zu werden, kann die derzeitige etwas xenophobe Beziehung vieler Tschechen zu den Minderheiten in eine offenere Beziehung verändern.

Und nicht zuletzt wird auch die Gesetzgebung der EU eine positive Rolle spielen,die in der Frage der Minderheiten einigermaßen umfangreich ist. Die tschechische Gesellschaft wird noch viel mehr lernen müssen, als nur die Rechte der Minderheiten zu respektieren, sonst könnten die unterschiedlichsten Sanktionen auf die Tschechische Republik warten.

Die deutsche Minderheit könnte die Rolle einer kulturellen Brücke in der Beziehung mit Deutschland und Österreich spielen. Sie könnte die Rolle des Vermittlers in den oft noch weiterhin komplizierten Beziehungen der tschechischen und deutschen Ethnien spielen. In der Zusammenarbeit mit den Deutschen aus Österreich und Deutschland könnte sie vor allem helfen, zumindest einen Teil des kulturellen Erbes in die böhmischen Länder zurückzubringen, das einen Teil der Geschichte dieses Landes darstellt und das nach dem Zweiten Weltkrieg unterdrückt wurde. Die Tatsache, dass die Tschechische Republik ein Bestandteil des offenen Gebietes ohne Grenzen wird, könnte dieser Bestrebung nützen.

Übersetzung: Gerd Lemke


Landes Zeitung – 16. 9. 2003

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